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    Fünf Jahre „Wir schaffen das“: Wie sich die Integration für Unternehmer im Südwesten gestaltet

    Am Anfang war da „die Teddybär-Mentalität“. So beschreibt Unternehmer Markus Winter den Beginn der Flüchtlingskrise. „Die Flüchtlinge wurden groß willkommen geheißen, man erinnert sich an die Bilder aus München“, sagt der Geschäftsführer des Industriedienstleisters IDS aus Unteressendorf im Landkreis Biberach. Deutsche Wirtschaftslenker sahen in den Flüchtlingen dringend gebrauchte Arbeitskräfte.

    Auch die meisten Flüchtlinge selbst schätzten die Chance auf Arbeit in Deutschland als hoch ein. Darum bat die Bundesregierung die Wirtschaft zu helfen, und Menschen mit Bleibeperspektive mit Arbeit zu versorgen. Viele Unternehmer reagierten und machten sich daran, die Geflüchteten einzuarbeiten. Auch Markus Winter. Bei IDS beschäftigte er zu Hochzeiten 100 Geflüchtete.

    Für sein Unternehmen mit 900 Mitarbeitern ist das eine beachtliche Zahl, angesichts der Gesamtzahl von Geflücheten ist es natürlich eine verschwindend geringe: 2015 stellten 476.000 Flüchtlinge einen Asylantrag.

    Dann im Jahr 2016 schnellte die Zahl richtig nach oben und erreichte die Marke von 745.000.

    Danach kamen immer weniger Neuankömmlinge dazu. 222.000 waren es 2017, im Jahr darauf rund 186.000.
    In diesem Jahr verzeichnete das zuständige Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) bis Ende Juli noch knapp 65.000 Asylanträge. Insgesamt sind in den vergangenen fünf
    Jahren fast 1,8 Millionen Flüchtlinge angekommen.

    All diese Menschen zu integrieren und sie in Arbeit zu bringen?

    „Ich habe schon geahnt, dass das alles nicht so einfach wird“, sagt IDS-Geschäftsführer Markus Winter. Zwischen 20 und 23 Milliarden Euro stellt der Bund seit 2016 jährlich für die Integration der Ankömmlinge bereit. In den kommenden drei Jahren sinken die Ausgaben auf weniger als 16 Milliarden Euro. Dazu kommen noch mehr als vier Milliarden Euro durch die Bundesländer. Dennoch: Viele Flüchtlinge waren tatsächlich nicht integrationsfähig, sagt Winter.

    Ich habe schon geahnt, dass das alles nicht so einfach wird.
    Markus Winter

    Kulturelle Differenzen und sprachliche Herausforderungen seien oftmals zu groß gewesen. „Wenn jemand aus Afghanistan kommt und von zu Hause nur Mord und Totschlag kennt, dann ist es eben nicht so einfach, diese Person zu integrieren“, sagt Winter. Aber es gebe eben auch die Gegenbeispiele, diejenigen Mitarbeiter, die in kürzes-ter Zeit Deutsch lernen und schnell unersetzbarer Teil der Belegschaft werden.

    Umso problematischer wird es dann, wenn genau diese Mitarbeiter abgeschoben werden – wenn die Politik, die erst die Hilfe der Unternehmer einforderte, ihnen dann wieder einen Strich durch die Rechnung macht.

    Rund ein Drittel aller Asylanträge der 1,8 Millionen Menschen wurde abgelehnt. Auch aus formalen Gründen mussten viele Asylbewerber weiterziehen, etwa wenn sie bereits anderswo in der EU einen Antrag gestellt hatten. Nur 2016 durften zwei Drittel hierbleiben. Im vergangenen Jahr erhielten sechs von zehn Antragstellern einen negativen Bescheid. All jene müssen Deutschland nach Abschluss des Verfahrens, das durch Widerspruchsklagen häufig noch in die Länge gezogen wird, verlassen. Geschieht dies nicht freiwillig, müssten sie abgeschoben werden. Dies scheitert allerdings oft. 250 000 ausreisepflichtige Ausländer zurzeit in Deutschland. Rund 200.000 von ihnen haben jedoch eine Duldung.

    Anreize für Rückkehrer

    Nach Angaben der Bundesregierung wurden seit 2015 mehr als 120.000 Flüchtlinge nach Hause gebracht. Andere gehen freiwillig. Dafür gibt es Anreize durch ein Rückkehrerprogramm der Bundesregierung. Noch einmal mehr als 100 000 Menschen haben das Angebot genutzt.

    Markus Winter und andere Unternehmer in Baden-Württemberg haben die Abschiebungen aus Unternehmersicht erlebt und den immensen wirtschaftlichen Schaden beklagt, den der Verlust der bereits integrierten und fest angestellten Geflüchteten als Arbeitskräfte mit sich brachte. Sie gründeten die Initiative Bleiberecht durch Arbeit und setzen sich dafür ein, dass Geflüchtete, die eine Arbeit haben, in Deutschland bleiben dürfen. Der Initiative gehören rund 150 Unternehmen an.

    Wir haben schon viel geschafft, mehr als in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.
    Markus Winter


    Zuletzt hatten sie immer wieder Druck auf die Politik ausgeübt – auch mit Erfolg. Kürzlich hatten sie im Bundesrat durchgesetzt, dass sich Flüchtlinge Aufenthaltszeiten während des Asylverfahrens für ihre Duldung anrechnen lassen können. Integration sei eben harte Arbeit, sagt Winter – seitens der Unternehmer, aber auch der Flüchtlinge selbst. „Und es braucht eine Belohnung dafür, dass man sich angestrengt hat.“ In Bezug auf Bundeskanzler Angela Merkels Satz aus dem Jahr 2015 „Wir schaffen das“ sagt Winter: „Wir haben schon viel geschafft, mehr als in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.“ Aber es könne natürlich immer mehr sein.

    Jeder Dritte fand eine Stelle

    Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat diesen Eindruck Winters in Zahlen gegossen. Eine neue Studie des Instituts besagt: Der Optimismus, eine Arbeit zu finden, war 2016 unter den Flüchtlingen noch weit verbreitet. 67 Prozent waren sicher, dass sie im Arbeitsmarkt unterkommen. Jeder dritte Neuankömmling fand schließlich bis 2018 auch eine Stelle. Selbst von denen, die sich diesbezüglich pessimistisch zeigten, stand jeder Zehnte in Lohn und Brot.

    Die Kriterien für schlechte Aussichten bei der Jobsuche sind denen aller Arbeitnehmer sehr ähnlich. Ein geringer Bildungsgrad oder fehlende Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder stehen einer Einstellung im Wege. Dazu kommen bei Flüchtlingen in vielen Fällen auch psychische Probleme, die aus den Erfahrungen in Bürgerkriegsgebieten resultieren.

    Die nächste Generation hat es schon etwas einfacher, wie das DIW herausfand. Acht von zehn Kindern aus Flüchtlingsfamilien gehen gerne zur Schule. 90 Prozent sprechen mit ihren Freundinnen und Freunden deutsch. „Insgesamt ist die Integration gut gelungen“, sagt DIW-Abteilungsleiterin Bildung und Familie, Katharina Spieß. Ganz wichtig sei aber, „dass wir die Bildung der geflüchteten Kinder, Jugendlichen und auch Erwachsenen im Blick haben“, sagt sie. Den Fokus würde sie dabei eher auf die Frauen legen, da sie bei Sozialkontakten und der Arbeitsmarktintegration schlechter da stehen als die Männer.

    Beim Industriedienstleister IDS arbeiten mittlerweile noch 60 Flüchtlinge. Integration sei mitnichten leicht, sagt Winter. „Aber wir haben uns gesagt, wenn wir es machen, dann machen wir es auch konsequent.“


    Erschienen 28.08.2020
    Foto: Sebastian Gollnow/DPA
    Autoren: Wolfgang Mulke, Helena Golz

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